Dankbar soll ich dafür auch noch sein?

Aktualisiert: 22. Dez 2018

Das ist ein Scherz, oder?


6h30: der Wecker läutete und ich stand gleich auf. Um 7h war Treffpunkt an der Rezeption. Ich machte die Vorhänge auf, denn ich war schon neugierig, wo ich hier gelandet war. Bei meiner Ankunft konnte ich nichts mehr sehen, denn es war schon dunkel. Die Landschaft war wunderschön, ich hatte direkt den Dachstein vor meinem Fenster. Einen kleinen Wermutstropfen gab es, die Wiesen waren weiß vom Raureif und auf den Autoscheiben hatte sich eine Eisschicht gebildet, das heißt es hatte unter 0 Grad.

Um 6h50 stand ich bei der Rezeption und wartete auf meine Teilnehmer. Bis auf den Abteilungsleiter kannte ich noch keinen. Es war ein 3 Tagesseminar bei dem es um die Zusammenlegung von 2 Abteilungen aus sehr unterschiedlichen Strukturen und den ersten offiziellen Auftritt des neuen Abteilungsleiters ging. Es war der zweite Tag, den ersten hatte mein Kollege gestaltet. Langsam trafen die ersten Teilnehmer ein, teilweise noch sehr verschlafen. Mein Verdacht, dass es am Vorabend, wie bei mehrtägigen Seminaren üblich, später geworden war, wurde vom einzigen Teilnehmer, der bereits in Plauderlaune war, bestätigt.

Um kurz nach 7 Uhr waren wir vollzählig. 12 Augenpaare schauten mich erwartungsvoll an, denn sie hatten nur die Information erhalten, dass sie in Sportkleidung kommen sollten. „Das was wir machen nennt sich „Hour of Power", diese Übung habe ich bei Anthony Robbins kennengelernt, den ich 2010 in Rom erleben durfte. Seither mache ich sie regelmäßig, weil sie mir wirklich guttut. Wir machen heute den ersten Teil davon.“ Ich ignorierte die zweifelnden Blicke und redete gut gelaunt weiter: „Wir starten in einem angenehmen Gehtempo. Zuerst achten Sie auf ihre Atmung. Atmen Sie stoßweise und zwar 4 mal ein und 4 mal aus. So gehen wir ca. 5 Minuten. Danach stellen Sie sich die Frage “Wofür bin ich in meinem Leben dankbar?“ Sprechen Sie es, wenn Sie wollen, laut aus.“

Die Skepsis beim Großteil der Gruppe war spürbar, obwohl es niemand aussprach, der neue

Abteilungsleiter war ja ebenfalls anwesend.

Und so gingen wir los. Als es zur Frage nach der Dankbarkeit kam, dauerte es ein bisschen, bis die ersten etwas sagten, doch dann schien es ihnen wirklich Spaß zu machen und die Stimmung wurdebesser.

Nach frisch machen und Frühstück trafen wir uns um 9h im Seminarraum. Ich fragte sie, wie sie die Übung erlebt hatten. Der allgemeine Tenor war, dass sie anfänglich sehr skeptisch waren (ok, es fielen Sätze wie: „ich dachte, das ist ein schlechter Witz, dass ich dafür so früh aufgestanden bin“).

Allerdings, als sie begonnen hatten sich auf die Dankbarkeit zu konzentrieren passierte etwas

Unglaubliches; ich nehme das Kommentar eines Teilnehmers stellvertretend, der es auf den Punkt brachte: „ich bin wahrlich kein Morgenmensch und als ich gestern erfuhr, dass wir uns bereits um 7h treffen, war ich alles andere als begeistert. Dann in der Früh die Kälte und mit Sport habe ich auch nichts am Hut. Doch als ich mir dann wirklich die Frage stellte, wofür ich in meinem Leben dankbar bin, änderte sich plötzlich meine Stimmung. Es war für mich absolut passend, dass genau in diesem Moment, die Sonne hinter dem Dachstein auftauchte. Plötzlich fühlte ich mich mit mir und der Welt zufrieden und diese gute Stimmung hält noch an. Besonders schön habe ich es empfunden, dass ich Dinge von meinen Kollegen erfahren habe, die ich vorher nicht wusste. Z.B. das Ernst bereits das 3. Enkelkind hat, oder Julia gerade Spanisch lernt, für ihren Sommerurlaub. Ich fand es echt klasse, obwohl ich es vorher nicht geglaubt habe.“

„Da freue ich mich sehr und noch einmal vielen lieben Dank fürs Mittun. Diese gute Stimmung

brauchen wir jetzt für die erste Gruppenübung des Tages. Überlegt euch in 4er Gruppen, wofür ihr für die Zusammenlegung dankbar seid. Ich weiß, Veränderungen lösen bei uns Menschen oft Ängste aus, manchmal auch Verärgerung und wenn diese Gefühle überhand nehmen, klingt es absurd, dass ihr etwas finden sollt, wofür ihr dankbar seid. Ein kleiner Tipp, wie es leichter geht. Überlegt euch in einem ersten Schritt, wie eure Situation in einem Jahr ausschaut. Schafft euch ein Bild, mit dem ihr zufrieden seid, wo es euch gut geht. Und dann aus der Betrachtung des Ergebnisses überlegt euch, wofür ihr dankbar seid.“

In der ersten Vormittagspause kam der Abteilungsleiter zu mir und sagte: „Ich bin vollkommen

überwältigt. Wenn ich ehrlich bin, hatte ich wegen der Dankbarkeitsgeschichte ein bisschen

Bauchweh, doch ich dachte Sie sind der Profi und einen Versuch ist es wert. Und jetzt habe ich das erste Mal das Gefühl, dass es hier ein „Wir-Gefühl“ gibt und ich es mit einem gemeinsamen Team zu tun habe, das an einem Strang zieht und nicht mit 2 Abteilungen, die ihre alteingesessenen Rechte verteidigen. Die Stimmung ist so positiv und von den Ideen, die bei den Zukunftsvisionen entstanden sind, sind mindestens 4 dabei, die wir wirklich umsetzen werden.“

Ich freute mich und es hat sich wieder einmal bestätigt, dort wo wahre Dankbarkeit ist, ist kein Platz für negative Gefühle.


Wie kannst du das für deine Gespräche nutzen?

Wenn du zum Beispiel ein Gespräch vor dir hast, das dir im Magen liegt. Lege den Fokus auf das wofür du nach dem Gespräch dankbar sein wirst. Das kann sein, dass du es, unabhängig vom Ergebnis, probiert hast. Dass dieses Gespräch dir die Chance gíbt, ein anderes Ergebnis zu erzielen…. Finde etwas für dich, ich hatte auch schon einen Klienten, der meinte, dass er

sicher dankbar sein wird, wenn er es hinter sich hat. Und gehe mit dieser Dankbarkeit ins Gespräch, nimm dir quasi einen Dankbarkeits-Vorschuss. Du wirst erstaunt sein, mit wie viel mehr Gelassenheit und Souveränität du ins Gespräch gehst.


Ich hatte eine Klientin, da ging es darum, dass sie sich von ihrer Vorgesetzten ungerecht, nicht wertschätzend behandelt fühlte.

„Ich will es ihr sagen, doch ich fürchte mich vor der Reaktion, sie ist dann so kalt und herablassend.“

Mir war klar, dass es für meine Klientin sehr wichtig war dieses Gespräch zu führen. Wir haben es inhaltlich und vor allem mental vorbereitet. Ihre Rückmeldung nach dem Gespräch:

„Ich bin so froh, dass ich es gemacht habe. Sie hat mir jetzt zumindest zugesagt, dass sie es noch einmal prüfen wird. Ich bin echt dankbar, dass ich für mich eingestanden bin.“


Ich lade dich noch zu einem Experiment ein:


Konzentriere dich 1 Woche lang bei deinen Gesprächen darauf, aus welchem Grund du genau für dieses Gespräch dankbar bist oder sein wirst.

Lass dich von den Ergebnissen überraschen, die diese Fokusverschiebung mit sich bringt. Vielleicht behältst du es ja nach dieser Woche bei…


Ich wünsche dir viel Erfolg für dein Experiment und freue mich, wenn du deine Erfahrungen mit uns teilst. Herzlichst Birgit