Die Interpretationsfalle


Diese Woche am Weg zum Fitnessstudio sah ich einen Mann an einer Straßenecke sitzen mit Stift und Block. Es war kurz vor 8 Uhr morgens und es hatte gerade mal 8°C. Er war in eine Decke eingehüllt und saß auf einem Polster. Für mich war sofort klar, dass er etwas auf der anderen Straßenseite zeichnete, denn er warf immer wieder einen konzentrierten Blick hinüber und dann zeichnete er weiter. Mein Gedanke war, dass es ein sehr kühler Morgen war, um auf den Spuren von Picasso oder Van Gogh zu wandeln und ich schmunzelte.

Ich parkte mein Auto, und beim  Vorbeigehen, ich gebe zu ich war neugierig, warf ich einen Blick auf seinen Block. Was ich dort sah, überraschte mich und brachte mich zum Lachen. Mit Kunst hatte es nichts zu tun, es war eine statistische Aufzeichnung, auch als Stricherlliste bekannt.



Etwas später im Fitnessstudio. Die Trainerin wirft einen Blick in den Kühlschrank und sagt:“ Jö, mein Kollege schaut auf mich, er hat Buttermilch und Joghurt für mich eingekauft.“ Die Reaktionen reichten von „das ist aber nett“ bis zu „ der hat wohl ein schlechtes Gewissen“.

Ich dachte für mich, interessant, die gleiche Information wird von verschiedenen Menschen vollkommen anders gesehen.

Wir sind ständig am Interpretieren. Unsere Wahrnehmungen laufen durch unsere Filter, die geprägt sind durch unsere Erziehung, Glaubenssätze, Erfahrungen und auch durch unsere Stimmung.

So nehmen wir die Welt durch unsere Brille wahr. Manchmal ist es die rosarote, wenn wir glücklich sind, wenn es uns gut geht und manchmal ist die Brille so grau, dass wir das Gefühl bekommen können, wir haben den Durchblick verloren.

Wie schwer es ist, nicht in die  Interpretationsfalle zu tappen, habe ich in meiner Coachingausbildung erlebt. Wir bekamen folgende Aufgabe: wir sollten zuerst das Flipchart beschreiben und dann unseren Trainer.

Beim Flipchart war es einfach, das war wirklich eine reine Beschreibung. Keiner von uns kam auf die Idee zu sagen, es steht herum, wahrscheinlich ist es zu faul, um sich zu bewegen…

Anders bei unserem Trainer. Er hatte an diesem Tag rote Sneaker an und ein Kommentar war: „du trägst rote Schuhe (reine Wahrnehmung, Beschreibung), anscheinend willst du jugendlich wirken“(und da waren wir schon mitten im Interpretieren)

Was hat das alles mit Kommunikation zu tun? Sehr viel, denn Wahrnehmung ist fast automatisch mit Interpretation verbunden.

Gerade wenn es sich um ein wichtiges Gespräch für uns handelt, versuchen wir so viel wie möglich wahrzunehmen, doch ist es wirklich ein „Wahrnehmen“ oder doch „Interpretation“? Gedanken wie: er schaut ungläubig drein, sie ist mit ihren Gedanken ganz wo anders, interessiert es sie gar nicht was ich sage… bewirken vor allem eines: sie verunsichern. Und oft völlig ohne Grund. Wenn du nicht Gedanken lesen kannst, weißt du nicht was im anderen vor sich geht.

Ich habe hier selbst ein für mich sehr witziges Beispiel erlebt. Eine liebe Kollegin sagte einmal zu mir: „ich hab dich letzte Woche im Supermarkt gesehen, doch ich habe mich gar nicht getraut dich anzusprechen, du hast so grantig ausgeschaut.“ Ich habe dann nachgefragt, wann das genau war und wusste, dass ich an diesem Tag gar keinen Grund gehabt hätte, grantig zu sein. Mir war dann gleich klar weshalb sie diesen Eindruck hatte, ich schreibe mir nur sehr selten eine Einkaufsliste und bin dann immer höchstkonzentriert, damit ich ja nichts vergesse.

Was ich auch immer wieder erlebe, ist, dass Menschen sich manche Dinge nicht sagen trauen, oder sich unwohl fühlen, weil sie schon im Vorfeld eine Annahme treffen, wie der andere reagieren wird.

Ich finde es gut sich bereits bei der Gesprächsvorbereitung die verschiedenen Reaktionsmöglichkeiten zu überlegen, doch gehe niemals davon aus, dass du genau weißt was in deinem Gegeüber vorgeht.

Der österreichische Kinderliedermacher Bernhard Fibich, hat dazu eine sehr passende Textzeile: „Was ist eine Pudelmütze? Eine Pudelmütze ist das, was wir Kinder aufsetzen müssen, wenn es der Mama kalt ist.“ Meine Kinder, obwohl mittlerweile 18 und 20 Jahre alt, können das bestätigen, denn ich gehöre zu den Menschen, denen leicht kalt wird…

Ich habe einen Bekannten, der jedes Mal, wenn er sieht, dass ich mit verschränkten Armen da sitze beginnt zu interpretieren. Als wir uns noch nicht so gut kannten, hat er jedes Mal gemeint, ich sei so verschlössen und abweisend. Das letzte Mal, es war ein angenehm warmer Frühlingsabend, hat er mir plötzlich eine Decke gebracht. Ich habe mich zuerst gar nicht ausgekannt, da hat er gesagt, er hätte es nicht mehr länger mit ansehen können, wie sehr ich friere. Für mich sind verschränkte Arme einfach eine angenehme Sitzhaltung, da ist meist nicht mehr dahinter.

Wie oft interpretierst du anstatt die Information so zu nehmen wie sie ist?

Was verändert sich, wenn du aufhörst zu interpretieren? Ich freue mich über deineErfahrungen in den Kommentaren. Herzlichst

Birgit