Lebst du die Vorstellung von dir?

Aktualisiert: 11. Juli 2019

Ihr Händdruck war eine Spur zu fest, ihre Stimme zu laut, ihr Gesichtsausdruck hart. Sie war Ende 20. Die neue Personalleiterin meines Kunden, die das Seminar nutzen wollte, die Gebietsleiter besser kennen zu lernen.

Sie eröffnete den Tag mit einer Präsentation, die perfekt vorbereitet war, auch auf den Humor hatte sie nicht vergessen. Doch es wirkte unecht, es war, als ob sie einen Text aufsagte ohne jede Emotion und es kam bei ihren Zuhörern nicht an.

Ihr Wunsch nach Anerkennung war spürbar und ebenso die tiefe Kluft zu den Gebietsleitern.


In einer der ersten Pausen bat sie mich um ein Gespräch. Wir zogen uns zurück und nachdem sie mir ihre Situation mit ihrem neuen Job, die teilweise offene Ablehnung ihrer Kollegen, die ihr entgegenschlug, geschildert hatte, da war es plötzlich da – ihr wahres Gesicht. Sie hatte die Kontrolle losgelassen und da sah ich ihre Verletzlichkeit und Unsicherheit. Hinter ihrer Maske kam der liebenswerte Mensch zum Vorschein, der sie in Wirklichkeit war.

Sie hatte ihre Ausbildung erst kürzlich abgeschlossen, sie hatte berufsbegleitend studiert, und sich voller Freude und Tatendrang auf die Herausforderung „Personalleiterin“ gestürzt. Diese Stelle war neu im Unternehmen und sie freute sich darauf, dass sie sie nach ihren Vorstellungen mit gestalten konnte. Doch die Freude war von Anfang an getrübt durch Gedanken wie „werden sie mich ernst nehmen, ich bin erst 27?“ „was erwarten sie genau von mir?“ „werde ich den Anforderungen gerecht?“ Und so hatte sie für sich ein klares Bild geschaffen, wie eine Personalleiterin, die ernst genommen werden wollte auftreten und wirken musste und daran hielt sie sich. Nur diese Vorstellung entsprach nicht ihrem Wesen.


Die Person, die mir jetzt gegenüber saß war warmherzig, sehr kompetent mit ein paar kleinen Unsicherheiten, die auf ihre mangelnde Erfahrung zurückgeführt werden konnten und sie nicht weniger kompetent erscheinen ließen. Die Frau, die ich in der Früh kennengelernt hatte war glatt, sehr „businessmässig“, sie „funktionierte“.


Sie wollte ernst genommen werden:

Doch wie sollten sie andere ernst nehmen, wenn sie selbst überzeugt war, dass sie sich verstellen musste, um ernst genommen zu werden. Wie sollten ihre Kollegen in ihre Kompetenz vertrauen, wenn sie selbst nur ihre mangelnde Erfahrung sah. Sie verhielt sich so, wie sie glaubte, dass es von ihr erwartet wurde.


Sie versuchte durch extrem „toughes“ Auftreten ihre Unsicherheit zu überspielen.

Das Unterbewusste lässt sich nicht täuschen, oder zumindest nur kurzfristig. Ihr Auftreten stimmte weder mit ihrem Charakter noch mit ihrem Befinden überein und so hinterließ sie ein seltsames Gefühl bei ihren Gesprächspartnern.

Die Wirkung war verheerend, sie wirkte arrogant und unsympathisch. Damit erreichte sie genau das Gegenteil von dem was sie sich wünschte. Dass ihre neuen Kollegen mit ihr zusammenarbeiten, sie anerkannten.


Jeder von uns erfüllt mehrere Rollen in seinem Leben. Meine Kinder würden sich wehren, wenn ich sie behandle wie meine Kunden und umgekehrt. Wichtig ist, dass jede Rolle deinem Wesen, deinen Werten entspricht und nicht der Vorstellung, die du darüber hast, was andere von dir erwarten.

Wenn du nicht du bist, dann fühlst du dich schlecht und es kostet dich Lebenskraft und Lebensfreude.

Ich kann mich erinnern, als meine Kinder noch sehr klein waren. Ich bekam laufend Rückmeldungen, dass ich zu nachgiebig bin und dass ich die beiden zu sehr verwöhne. Obwohl es genau meinem Gefühl entsprach, war ich irgendwann sehr verunsichert. In diesem Zustand entdeckte ich das Buch „Jedes Kind kann schlafen lernen“. Es gibt sicher Menschen für die es wunderbar passt, für mich und meine Kinder war es ein Albtraum, als ich versuchte, mich daran zu halten.

Es ging darum, dass Kinder sich selbst beruhigen sollen und alleine einschlafen lernen müssen. Es wurde auch sehr drastisch geschildert, was passieren würde, wenn man hier zu weich war und die Kinder zu sehr verhätschelte. Meine Kinder spürten instinktiv, dass ich nicht dahinter stand. Kurz, ich scheiterte.

Mittlerweile sind die beiden 19 und 21 Jahre alt und schlafen wunderbar allein ein. ;-)


Erst wenn du dein wahres Gesicht zeigst, bist du wirklich stark.


Wie oft passiert es, dass du dich so verhältst, wie du denkst, dass es andere von dir erwarten? Ich erlebe in meinen Führungskräfte Coachings immer wieder, dass mehr Wert auf Anleitungen „wie bin ich ein guter Chef“ als auf das eigene Gefühl gelegt wird. Verstehe mich bitte jetzt nicht falsch, ich finde es sehr wertvoll, dass Menschen das Rüstzeug für ihre Position gegeben wird und gleichzeitig ist es wichtig, die eigene Persönlichkeit einzubringen und sich immer wieder am eigenen Gefühl zu orientieren.

Oder wenn die Sätze „das tut/sagt man nicht“ dich hindern, dich so zu verhalten, wie du es für richtig hältst.


Den Weg der Authentizität verlässt du in dem Moment, in dem du dich so verhältst, wie du glaubst, dass andere es von dir erwarten.


Die Auswirkungen:

  •  Du fühlst dich unwohl

  •  Du hinterlässt bei anderen ein „seltsames Gefühl“

  •  Du wirkst unglaubwürdig

  •  Andere vertrauen dir weniger

  •  Du schwächst deine Position

  • Du verlierst Lebensfreude und Lebenskraft

Wenn du andere für dich gewinnen willst, wenn du überzeugen willst, dann sei du selbst. Alles Liebe Birgit PS: deine Werte sind wesentlich, wenn es darum geht "du selbst zu sein". Doch sind deine Werte wirklich deine eigenen? Passen sie zu deinem Leben oder lebst du die Werte von anderen oder von denen du denkst, dass sie gut wären? Zu diesem Thema werde ich am Freitag ein Video auf meinem Youtube Kanal veröffentlichen. Hier geht´s zum Video. Am besten du abonnierst ihn, dann verpasst du nie wieder ein Video mit wertvollen Tipps zu mehr Lebenskraft und Lebensfreude.